Von Kiew nach Charkiw: Einblicke in unsere Arbeit in der Ukraine
Odile Blanc, unsere Verantwortliche für institutionelle Partnerschaften in Genf, verbrachte acht Tage mit den Teams von Handicap International in der Ukraine sowie mit den Gemeinschaften, die wir dank der Unterstützung der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) begleiten.
Die Projektreise fand in einem Umfeld statt, in dem Minen und Sprengkörper das tägliche Leben der Menschen nach wie vor stark beeinträchtigen. Odile hat uns davon erzählt.
Nach mehr als vier Jahren Krieg bestimmen Luftalarme noch immer den Alltag der ukrainischen Bevölkerung. Dank der Unterstützung aus der Schweiz hilft Handicap International den betroffenen Gemeinschaften dabei, eine der langwierigsten Folgen des Konflikts zu bewältigen: die Bedrohung durch Minen und Sprengkörper.
Im Mai 2026 reiste ich in die Ukraine, um unser Projekt zu besuchen, das mit Unterstützung der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) umgesetzt wird. In Kiew und Charkiw konnte ich konkret erleben, wie die Schweizer Hilfe dazu beiträgt, Menschen in Gebieten zu schützen, die stark von Krieg und Kampfmittelbelastung betroffen sind.
Von Genf nach Kiew: eine anhaltende Krise verstehen
Bereits die Einreise in die Ukraine macht die Realität des Konflikts deutlich. Seit die Ukraine ihren Luftraum geschlossen hat, ist die Anreise in die ukrainische Hauptstadt lang. Zunächst geht es über Polen, dann weiter mit dem Nachtzug nach Kiew.
Die ersten vier Tage meines Besuchs verbrachte ich im Koordinationsbüro von Handicap International in Kiew, wo ich die Teams kennenlernte, welche die Einsätze im ganzen Land koordinieren. Dieser Austausch ermöglichte mir ein besseres Verständnis der Herausforderungen, welche die Programmumsetzung in einem Kriegskontext mit sich bringt. Ich hatte auch die Gelegenheit, mich mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) zu treffen, deren Unterstützung es uns ermöglicht, die von den Kriegsfolgen am stärksten betroffenen Bevölkerungsgruppen zu betreuen.
Auf den ersten Blick wirkt Kiew wie eine Stadt, in der das normale Leben weitergeht. Die Cafés sind geöffnet und in den Parks sowie auf den Strassen herrscht reges Treiben. Dennoch ist der Krieg allgegenwärtig. Fliegeralarme gehören zum Alltag, U-Bahn-Stationen dienen als Schutzräume bei Angriffen, und alle behalten die Apps im Blick, die vor Drohnen- oder Raketenangriffen warnen.
Mehr als vier Jahre nach Beginn der gross angelegten Invasion lebt Kiew weiterhin im Rhythmus des Konflikts. Auch wenn die Frontlinie weit von der Hauptstadt entfernt ist, sind die Einwohner:innen direkt vom Krieg betroffen. Sie alle mussten lernen, mit einem Krieg umzugehen, der nun schon so lange andauert.
Arbeitskolleg:innen berichteten mir beispielsweise von einem besonders harten Winter, der von wiederholten Angriffen auf die Energieinfrastruktur geprägt war. Dadurch mussten Millionen von Menschen über lange Zeiträume hinweg ohne Strom, Heizung oder Warmwasser auskommen.
In Charkiw, mitten unter den Betroffenen
Von Kiew aus setzte ich meine Reise nach Charkiw im Osten des Landes fort. Die Stadt liegt weniger als 30 Kilometer von der russischen Grenze entfernt und ist nach wie vor regelmässig Ziel von Anschlägen. Die Nähe des Konflikts ist dort viel greifbarer und die Folgen des Krieges sind in vielen Stadtteilen sichtbar.
Während dieser Etappe konnte ich mir einen konkreten Eindruck von der Arbeit unserer Teams in der Region und der Vielfalt der Massnahmen verschaffen, die direkt vor Ort umgesetzt werden. Unter anderem hatte ich die Gelegenheit, an einer Sitzung zur psychosozialen Unterstützung einer Gruppe von Frauen teilzunehmen. Dadurch wurde mir bewusst, wie wichtig solche Gesprächsräume für die psychische Gesundheit sind. Die Teilnehmerinnen tauschten sich über die Auswirkungen von Stress in ihrem Alltag aus und teilten Strategien zur Bewältigung, um mit der durch den Krieg verursachten Ungewissheit und Angst besser umgehen zu können.
Ausserdem begleitete ich eine Physiotherapeutin, die in schwer zugänglichen Gebieten arbeitet. Durch Hausbesuche bringt sie Rehabilitationsangebote zu älteren, verletzten oder Menschen mit Behinderungen, die Gesundheitseinrichtungen nicht ohne Weiteres aufsuchen können. Diese Angebote helfen den begleiteten Menschen, trotz schwieriger Umstände ihre Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität zu erhalten.
Engagierte Teams im Dienste der Bevölkerung
Über die eigentlichen Aktivitäten hinaus konnte ich bei diesem Projektbesuch das bemerkenswerte Engagement der ukrainischen Teams erleben.
In einem von Unsicherheit und sicherheitsbedingten Einschränkungen geprägten Umfeld setzen Spezialist:innen für psychische Gesundheit, Physiotherapeut:innen, Minenräumungsfachleute sowie Logistik- und Sicherheitsteams ihre Arbeit tagtäglich fort.

Besonders beeindruckt war ich von den Sicherheitsvorkehrungen, die für die Teams eingerichtet worden waren. Die Warnsysteme laufen rund um die Uhr und ermöglichen eine schnelle Anpassung der Aktivitäten an die jeweilige Lage. Diese Sorgfalt, verbunden mit einer besonders effizienten Logistik, ist unerlässlich, um einen reibungslosen Ablauf der Einsätze und die Sicherheit der Teams zu gewährleisten.
Das von der Schweiz unterstützte Projekt steht heute am Ende seines zweiten Umsetzungsjahres. Auch wenn bereits viel erreicht wurde, ist der Bedarf nach wie vor immens. Dank Partnerschaften, wie jener zwischen Handicap International und der Schweiz, ist es möglich, die am stärksten gefährdeten Gemeinschaften weiterhin zu begleiten und dazu beizutragen, die Voraussetzungen für eine sicherere Zukunft zu schaffen.
Minen und Sprengkörper: eine anhaltende Bedrohung
Minen und explosive Kampfmittelrückstände gehören zu den langanhaltendsten Folgen des Konflikts in der Ukraine. Etwa ein Viertel des Landes gilt als potenziell belastet, sodass die Bevölkerung noch lange nach Ende der Kämpfe gefährdet sein wird.
Zwischen Februar 2022 und Februar 2026 forderten Minen und Sprengkörper 1679 zivile Opfer, darunter 483 Todesopfer. Das von der Schweiz unterstützte Projekt trägt durch Aufklärung, psychosoziale Unterstützung und Rehabilitationsmassnahmen dazu bei, die Risiken für die Betroffenen zu verringern.
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Nadia Ben Said
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