Klumpfuss : Ursachen, Behandlung und Ponseti-Methode
Ihr Kind wurde mit einem Klumpfuss geboren und Sie fragen sich, was das bedeutet und wie es nun weitergeht? Diese Diagnose kann im ersten Moment verunsichern. Doch eines vorweg: Ein Klumpfuss ist heute behandelbar. Dank moderner, schonender Methoden können betroffene Kinder nach einer erfolgreichen Therapie ganz normal gehen, rennen und Sport treiben. In diesem Artikel erfahren Sie, was ein Klumpfuss genau ist, welche Behandlungen sich bewährt haben, wie der Alltag mit Gips und Schiene aussieht und welche Perspektiven Ihr Kind nach einer erfolgreichen Behandlung hat.
(c) P. Proek / Handicap International
Warum entsteht ein Klumpfuss und wie oft kommt er vor?
Der Klumpfuss (Pes equinovarus congenitus) ist eine komplexe angeborene Fehlbildung des Fusses, bei der Knochen, Gelenke, Sehnen und Muskeln in einer Fehlposition versteift sind.
Es gibt verschiedene Faktoren, welche die Entstehung von Klumpfüssen begünstigen können. Dazu zählen die Lage im Mutterleib, eine verminderte Fruchtwassermenge (Oligohydramnion) sowie neurologische und genetische Ursachen. Der genaue Entstehungsmechanismus ist jedoch noch unbekannt. In einigen Familien kommen Klumpfüsse gehäuft vor. In diesen Fällen ist von einer genetischen Ursache auszugehen.
Die Diagnose kann bereits beim pränatalen Ultraschall zwischen der 20. und 24. Schwangerschaftswoche oder direkt bei der Geburt gestellt werden. In der Regel sind für die Erstdiagnose nach der Geburt keine belastenden Röntgenaufnahmen notwendig. Eine klinische Untersuchung durch eine Fachperson für Orthopädie genügt vollständig.
Mit einer Häufigkeit von ein bis drei von 1000 Neugeborenen ist der Klumpfuss die häufigste orthopädische Fehlbildung überhaupt. Knaben sind doppelt so häufig betroffen wie Mädchen. In rund 50 Prozent der Fälle tritt die Fehlbildung beidseitig auf, das heisst, beide Füsse sind betroffen.
Was beim Klumpfuss im Körper passiert
Beim Klumpfuss handelt es sich um eine dreidimensionale, rigide Deformität des Fusses, bei der vier Fehlstellungen gleichzeitig auftreten: Spitzfuss (Pes equinus), Hohlfuss (Pes cavus), Mittel- und Vorfussfehlstellung (Pes adductus und Pes supinatus) sowie eine Innenkippung der Ferse (Pes varus).
Eine zentrale Rolle spielt dabei das Sprungbein (Talus): Es ist beim Klumpfuss in der Regel kleiner als üblich und verformt. Die übrigen Knochen des kindlichen Fusses richten sich um den veränderten Talus herum falsch aus. Ursache dafür ist eine gestörte Muskelentwicklung in der frühen Fetalphase. Vor allem die Wadenmuskulatur, der Tibialis posterior und die Zehenbeuger sind davon betroffen.
Behandlung mit der Ponseti-Methode
Bereits Ende der 1940er-Jahre entwickelte der Spanier Ignacio Ponseti an der Universität von Iowa eine Klumpfussbehandlung – motiviert durch die schlechten Ergebnisse nach operativer Korrektur, die damals zu eingesteiften, unvollständig korrigierten und oft schmerzhaften Füssen führte. Seit den 1990er-Jahren hat sich die Methode weltweit durchgesetzt.
Heute gilt die Ponseti-Methode weltweit als die sanfteste, wirksamste und am weitesten anerkannte Therapie für den angeborenen Klumpfuss. Je nach Typ und Schweregrad des Klumpfusses kann der Behandlungsverlauf leicht variieren. Schwere Operationen sind dank der Ponseti-Methode jedoch nur noch in seltenen Ausnahmefällen notwendig.
Die drei Phasen der Klumpfussbehandlung nach Ponseti im Überblick:
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Phase |
Dauer |
Massnahme |
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Phase 1: Gipsbehandlung
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5 bis 8 Wochen |
Wöchentliche sanfte Manipulation des Fusses, gefolgt von einem Gipsverband. In der Regel sind 5 bis 8 Gipse nötig, um die Fehlstellung schrittweise zu korrigieren. |
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Phase 2: Achillessehnen-Tenotomie
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3 Wochen |
Kleiner ambulanter Eingriff unter örtlicher Betäubung zur Verlängerung der Achillessehne, gefolgt von einem letzten Gips für drei Wochen. |
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Phase 3: Schienenbehandlung
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bis zu 5 Jahre |
Spezielle Abduktionsschiene, die in den ersten drei Monaten 23 Stunden täglich und danach nachts sowie beim Mittagsschlaf getragen werden muss. |
Bei der Ponseti-Methode werden die Füsse nach jeder Behandlungssitzung in der erreichten Position in einen sorgfältig angepassten Gipsverband vom Fuss bis über das Knie gelegt. Der Arzt bzw. die Ärztin bearbeitet die Fehlstellung schrittweise durch regelmässige Gipswechsel. Bei Neugeborenen erfolgen diese Gipswechsel im Abstand von vier bis sieben Tagen. In der Regel sind fünf bis acht Gipse nötig, um die Fehlstellung vollständig zu korrigieren – bis auf den verbleibenden Spitzfuss.
Für diese letzte Komponente benötigen rund 90 Prozent der betroffenen Kinder einen kleinen ambulanten Eingriff: die sogenannte perkutane Tenotomie, bei der die Achillessehne unter örtlicher Betäubung verlängert wird. Im Anschluss wird für drei weitere Wochen ein letzter Gips angelegt, damit die Sehne in der richtigen Länge zusammenwachsen kann. Nach insgesamt sieben bis acht Wochen ist die Korrekturphase abgeschlossen.
Für den langfristigen Erfolg ist die Phase unmittelbar nach dem letzten Gips entscheidend: Eine speziell angepasste Abduktionsschiene (zwei Schuhe, die über eine Verbindungsschiene miteinander verbunden sind), muss in den ersten drei Monaten 23 Stunden täglich getragen werden, danach nachts und beim Mittagsschlaf bis etwa zum fünften Geburtstag.
Gibt es noch andere Behandlungsmöglichkeiten?
Neben der Ponseti-Methode gibt es zwei weitere Ansätze zur Therapie des Klumpfusses:
- Die Bonnet-Diméglio-Methode (auch «französische Methode» genannt) setzt auf eine intensive, tägliche manuelle Therapie in Kombination mit Taping und funktionellen Schienen. Im Gegensatz zur Ponseti-Methode erfordert sie einen enormen Zeitaufwand für die Eltern sowie den regelmässigen Einsatz von hoch spezialisierten Therapeut:innen.
- Die Zukunft-Huber-Methode ist eine dreidimensionale manuelle Behandlungsmethode, bei der kein Gips verwendet wird. Auch sie stellt hohe Anforderungen an die Eltern und erfordert spezialisiertes Fachpersonal.
Im Vergleich zur Ponseti-Methode sind diese beiden Alternativen weniger weit verbreitet. Sie kommen vor allem dann infrage, wenn besondere Umstände eine individuelle Anpassung der Therapie erforderlich machen.
Praktische Tipps für den Alltag: der richtige Umgang mit Gips und Schiene
Die Behandlungszeit mit Gips und Schiene stellt viele Familien vor Herausforderungen, sowohl körperlich als auch organisatorisch. Einige Hinweise können den Alltag erleichtern:
- Gipsphase: Achten Sie täglich auf Druckstellen, Rötungen oder Blasen an Zehen und Ferse. Ist die Haut gereizt oder weint Ihr Kind ungewöhnlich viel, nehmen Sie Kontakt mit der Klinik auf.
- Schienenphase: Ziehen Sie Ihrem Kind unter der Schiene dünne, gut sitzende Socken an, um Reibung und Druckstellen zu verhindern. Weite Hosen oder Strampler mit Druckknöpfen an den Beinen erleichtern das An- und Ausziehen erheblich.
- Pflege allgemein: Halten Sie Gips und Schiene trocken. Beim Baden können Schutzhüllen aus der Apotheke helfen.
Sprechen Sie offen mit dem Behandlungsteam, wenn Sie an Ihre Grenzen stossen. Unterstützung anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern hilft Ihrem Kind.
Der Alltag und das Leben danach
Nach einer erfolgreichen Behandlung werden die meisten Kinder eine weitgehend normale Fussform haben und ganz normal gehen, rennen und Sport treiben können. Zwei kleine Besonderheiten bleiben jedoch häufig bestehen: Beim einseitigen Klumpfuss ist der betroffene Fuss oft etwas kürzer als der andere. Auch ist regelmässig zu beobachten, dass die Unterschenkelmuskulatur auf der betroffenen Seite schmächtiger ist (die sogenannte Klumpfusswade). Beides hat jedoch keine Auswirkungen auf die Funktionalität im Alltag.
Ein unbehandelter Klumpfuss hat jedoch schwerwiegende Folgen. Ohne Therapie kann das Kind den Fuss nicht normal aufsetzen und läuft auf dem Aussenrand oder dem Fussrücken. Das führt zu Schmerzen, Einschränkungen im Alltag und langfristig zu Gelenk- und Knochenschäden. Deshalb ist die Einhaltung der Vorgaben in der Nachbehandlungsphase entscheidend: Das konsequente Tragen der Nachtschiene bis zum fünften Lebensjahr ist der wichtigste Schutz vor einem Rückfall. Studien zeigen, dass Rückfälle fast ausschliesslich dann auftreten, wenn die Schiene nicht regelmässig getragen wurde.
Sollte dennoch ein Rückfall auftreten, besonders in Wachstumsphasen, ist das kein Grund zur Panik. Durch erneutes Gipsen oder kleinere Anpassungen lassen sich Klumpfüsse bei korrekter Technik meist vollständig korrigieren.
Gleiche Chancen für alle Kinder weltweit
Weltweit kommen jährlich zwischen 150’000 und 200’000 Kinder mit einem Klumpfuss zur Welt, rund 80 Prozent davon in Entwicklungsländern. Dort ist der Zugang zu einer Behandlung oft stark eingeschränkt: Fehlende Fachkräfte, schwache Gesundheitssysteme und sozioökonomische Hürden verhindern, dass betroffene Kinder rechtzeitig versorgt werden. Ein unbehandelter Klumpfuss führt zu Schmerzen, eingeschränkter Mobilität und sozialer Ausgrenzung. Dabei gäbe es mit der Ponseti-Methode eine vergleichsweise einfache und kostengünstige Lösung.
Diese eignet sich besonders gut für die Behandlung von Kindern in Entwicklungsländern, da sie mit geringem Aufwand und geringen Kosten verbunden ist und nur einfache Materialien (Gips) erfordert. Um eine optimale Heilung zu erzielen, muss die Behandlung jedoch sehr früh beginnen (idealerweise in den ersten Lebenstagen des Babys) und über den gesamten notwendigen Zeitraum fortgesetzt werden.
Hier setzt Handicap International an. Die Organisation engagiert sich in einkommensschwachen Ländern aktiv dafür, eine orthopädische Versorgung, Rehabilitation und wichtige Hilfsmittel wie Abduktionsschienen für Kinder mit Klumpfuss bereitzustellen. Die Begleitung erfolgt in vier Phasen: von der Diagnose und Früherkennung direkt nach der Geburt über die wöchentlichen Gipsverbände, und bei Bedarf einen kleinen Eingriff an der Achillessehne, die Anpassung der Abduktionsschiene sowie die regelmässige ärztliche Kontrolle während der gesamten Wachstumsphase, um Rückfälle frühzeitig zu erkennen. Handicap International schult dabei nicht nur medizinisches Fachpersonal, sondern begleitet auch die Familien. Diese werden über das Therapieprogramm aufgeklärt und lernen die richtigen pflegerischen Handgriffe für zu Hause.
Wie die Hilfe von Handicap International in der Praxis genau aussieht, zeigen die Geschichten von Sokhoeun aus Kambodscha und Sanukanchi aus Nepal. Dank gezielter Unterstützung können die beiden heute eine normale Kindheit erleben.
Fazit
Ein Klumpfuss ist heute also kein unüberwindbares Schicksal mehr. Mit der richtigen Therapie, etwas Geduld und konsequentem Tragen der Schiene steht einer normalen motorischen Entwicklung Ihres Kindes nichts im Weg. Teilen Sie diesen Artikel mit anderen betroffenen Eltern und erfahren Sie mehr über die weltweite Arbeit von Handicap International für Kinder, die ohne Hilfe keine Chance auf eine Behandlung hätten.
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