Haiti
Angesichts der anhaltenden, weitreichenden Krise in Haiti führt Handicap International (HI) ein inklusives Gesundheits- und Rehabilitationsprogramm durch. Ergänzende Massnahmen zur Deckung der Grundbedürfnisse sollen sicherstellen, dass die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen haben.
Gaëlle Charles, Ergotherapeutin bei HI, führt mit Merena Eline Übungen durch, um die Beweglichkeit ihrer Hand zu verbessern. | © T. Noreille / HI
Laufende Aktivitäten
Handicap International (HI) ist seit 2008 in Haiti präsent und hat nach und nach einen Ansatz entwickelt, der die Bereiche Rehabilitation, Gesundheit, Inklusion und humanitäre Hilfe miteinander verbindet. Mit ihrem langjährigen Engagement für die Stärkung des Bereichs der physischen und funktionellen Rehabilitation setzt HI diese Unterstützung bis heute fort. Der Fokus liegt dabei auf dem Ausbau der Kapazitäten von Gesundheitseinrichtungen und der Weitergabe von Fachwissen an nationale Fachkräfte. Damit trägt Handicap International zu einer nachhaltigen Verbesserung der Gesundheitsversorgung und zur Anerkennung von Rehabilitationsberufen bei.
Als Reaktion auf die sich verschärfende Sicherheits-, humanitäre und Gesundheitskrise hat HI seit 2021 seine Position als wichtiger Akteur in der inklusiven Nothilfe gestärkt. Handicap International arbeitet dabei so eng wie möglich mit den betroffenen Bevölkerungsgruppen, insbesondere mit Binnenvertriebenen und Gemeinschaften, die sie aufnehmen, zusammen und erleichtert den Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen in den Bereichen körperliche und psychische Gesundheit sowie Schutz. Mithilfe mobiler Teams bietet HI Rehabilitationsleistungen (Physiotherapie, Ergotherapie) in Kombination mit psychosozialen Beratungsgesprächen an und verteilt Hilfsmittel (Gehstöcke, Krücken, Rollstühle usw.) sowie Hygiene-Sets. Die Organisation vermittelt Menschen zudem an spezialisierte Dienste weiter, insbesondere im Bereich der primären Gesundheitsversorgung und für Überlebende von Gewalt.
Inklusive humanitäre Hilfe und inklusive Regierungsarbeit sind übergreifende Ansätze, die in alle Massnahmen von HI integriert sind. In diesem Sinne unterstützt die Organisation humanitäre Akteure, Behörden und lokale Partner technisch, um die systematische Berücksichtigung von Behinderung, Alter und Geschlecht in nationalen Hilfsmassnahmen zu fördern. Diese Unterstützung umfasst Schulungen und Massnahmen zum Kapazitätsaufbau, die Durchführung von Bewertungen der Barrierefreiheit sowie die Anpassung von Hilfsmechanismen (Infrastruktur, Dienstleistungen und Massnahmen). Darüber hinaus unterstützt Handicap International Organisationen von Menschen mit Behinderungen, um deren Beteiligung an Koordinierungs- und Entscheidungsmechanismen zu stärken.
In diesem Zusammenhang führt HI auch Massnahmen in den Bereichen Wasser, Hygiene und Sanitärversorgung als Teil einer lebenswichtigen Nothilfe durch, die über die reine Bekämpfung der Cholera hinausgeht (Zugang zu Trinkwasser und Wasser für den Hausgebrauch, Wiederaufbau der Wasser- und Sanitärinfrastruktur, Unterstützung bei der Abfallentsorgung, Förderung guter Hygienepraktiken und Verteilung von Hygiene-Sets…).
Bei all ihren Massnahmen verbindet HI Nothilfe, Kapazitätsaufbau und Entwicklung, um die Kontinuität und Nachhaltigkeit ihrer Arbeit im Kontext langwieriger Krisen sicherzustellen.
- Anzahl der HI-Mitarbeitenden: 85 Personen
- Anzahl der von HI im Jahr 2025 direkt unterstützten Begünstigten: 183.694 Personen
- Anzahl der von HI im Jahr 2025 indirekt unterstützten Begünstigten: 792.557 Personen
- Startdatum des Programms: 2008
Neuigkeiten aus den Projekten
Haiti: Wir helfen Jérôme, sein Selbstvertrauen zurückzugewinnen
Jérôme wurde durch das Erdbeben im August 2021 und einen anschliessenden Schlaganfall hart getroffen. Mit Rehabilitationsmassnahmen und psychosozialer Unterstützung helfen wir ihm, diese Schicksalsschläge zu überwinden.
Haiti 6 Monate nach dem Erdbeben
Sechs Monate nach dem schweren Erdbeben am 14. August 2021 in Haiti sind weiterhin viele Menschen auf Hilfe angewiesen. Wir behandeln Verletzte, deren Beine amputiert werden mussten oder die noch immer an Knochenbrüchen oder offenen Wunden leiden. Auch benötigen zahlreiche Erdbebenopfer psychosoziale Hilfe angesichts der Verwüstung und Verzweiflung.
«Es bereitet mir Freude, einen Beitrag zu leisten»
Gufflie, Bauingenieur-Studentin und Bewohnerin von Les Anglais in Haiti, half Handicap International, den Zugang zu ihrer Gemeinde freizuräumen, nachdem durch das Erdbeben erhebliche Schäden verursacht wurden.
Sie mit
Hintergrund
Seit mehreren Jahrzehnten befindet sich Haiti in einer politischen, wirtschaftlichen, sozialen, sicherheitspolitischen und humanitären Krise, die durch eine rasante Verschlechterung der Lebensbedingungen der Bevölkerung gekennzeichnet ist.
Seit der Ermordung des Präsidenten der Republik im Juli 2021 hat sich die Lage erheblich verschlechtert: Mehr als 6,4 Millionen Haitianer*innen – über die Hälfte der Bevölkerung – sind auf humanitäre Nothilfe angewiesen.
Nach Jahren politischer Instabilität im Land hat eine kürzlich getroffene Vereinbarung den Weg für Parlaments- und Präsidentschaftswahlen geebnet, die für August 2026 angesetzt sind. Die Durchführung dieser Wahlen hängt jedoch von der Wiederherstellung der Sicherheit und der institutionellen Stabilität ab, die nach wie vor fragil sind. Tatsächlich ist das sozioökonomische Umfeld der letzten Jahre weiterhin stark geprägt von politischer Instabilität, dem Zusammenbruch grundlegender Versorgungsdienste und einer durch weit verbreiteten Gewalt gelähmten Wirtschaft. Organisierte kriminelle Gruppen üben mittlerweile fast vollständige Kontrolle über die Hauptstadt Port-au-Prince aus und dehnen ihren Einfluss schrittweise auf die Provinzen aus, wo sie Übergriffe, Entführungen, sexuelle Gewalt und Morde an der Bevölkerung begehen.
Die humanitäre Lage ist äusserst besorgniserregend: 5,9 Millionen Menschen leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit, darunter fast 2 Millionen in einer Notsituation. Darüber hinaus hat sich die Zahl der Binnenvertriebenen innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt und liegt nun bei 1,4 Millionen Menschen – rund 12 % der Bevölkerung –, von denen die überwiegende Mehrheit unter prekären Bedingungen mit eingeschränktem Zugang zu Nahrungsmitteln, Wasser und medizinischer Versorgung lebt. Kinder sind besonders betroffen: Jeder zweite Binnenvertriebene ist ein Kind, und mehr als 2,8 Millionen von ihnen benötigen humanitäre Hilfe.
Epidemien, Katastrophen und der Zusammenbruch des Gesundheitssystems – landesweit sind weniger als ein Drittel der Gesundheitseinrichtungen voll funktionsfähig – verschärfen die Gefährdung der Bevölkerung, insbesondere von Kindern, Frauen und Menschen mit Behinderungen. Letztere sind besonders von Marginalisierung und Ausgrenzung bedroht und haben nur sehr begrenzten Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen und Beschäftigung.
Darüber hinaus ist Haiti aufgrund seiner geografischen Lage besonders anfällig für Naturkatastrophen. In den letzten Jahren wurde das Land von zahlreichen Hurrikanen, Überschwemmungen sowie Erdbeben heimgesucht. Diese Katastrophen haben schwerwiegende Folgen für die Bevölkerung, wie der verheerende Hurrikan Melissa im Oktober 2025 deutlich machte, von dem fast 3 Millionen Menschen in der Karibik betroffen waren, ein erheblicher Anteil davon in Haiti.
