Interview mit Daniel Suda-Lang über seine Projektreise nach Kolumbien

Minen und andere Waffen Stop Bombing Civilians
Kolumbien

Anlässlich des Internationalen Tags zur Aufklärung über Minengefahren und zur Unterstützung bei Antiminenprogrammen am Samstag, den 4. April, stellen wir den Erfahrungsbericht von Daniel Suda-Lang vor. Daniel ist einer unserer Mitarbeitenden in Genf und Anfang März nach Kolumbien gereist. 

Gruppenfoto der Teamleiter mit den Besuchern. In der Mitte Jean-Noël Dargnies, Präsident des Vorstands der Föderation HI, und Adérito Ismael, Einsatzleiter der Minenräumung für HI Kolumbien (und Daniel Suda-Lang)

Gruppenfoto der Teamleiter mit den Besuchern. In der Mitte Jean-Noël Dargnies, Präsident des Vorstands der Föderation HI, und Adérito Ismael, Einsatzleiter der Minenräumung für HI Kolumbien (und Daniel Suda-Lang) | (c) Daniel Suda-Lang / HI

Daniel, könntest du deine Rolle bei Handicap International (HI) Schweiz erklären und warum du diese Reise nach Kolumbien gemacht hast?

Ich bin zuständig für institutionelles Fundraising, das heisst für finanzielle Mittel, die von der Schweizer Regierung, von Kantonen, Städten oder Stiftungen kommen. All diese Partner sind an der Umsetzung bestimmter Projekte in unseren Einsatzländern beteiligt.

Ich habe erst diesen Winter bei HI angefangen, deshalb ist es wichtig für mich, die Aktivitäten vor Ort zu sehen. Ich hatte das Glück, dass ich diese Projektreise mit Kolleg/-innen unserer Föderation machen konnte, die in Frankreich stationiert sind.

Es war ein grosses Glück, dass ich mit nach Kolumbien reisen durfte, denn in diesem Land führen wir seit über 20 Jahren zahlreiche Projekte durch. Unser Ziel war es, einen globalen Überblick zu bekommen. Bei einem Besuch unseres Büros in Bogotá, wo wir herzlich von der Leitung und dem HI-Team empfangen wurden, erhielten wir eine Einführung in die allgemeinen Bedingungen und den Sicherheitskontext Kolumbiens. Danach machten wir uns auf die Reise zu den HI-Teams, die im Norden des Landes die Aktivitäten im Rahmen der Venezuela-Krise umsetzen. Daraufhin trafen wir unsere Entminungsteams im Südwesten des Landes, die uns ihre Arbeit im Departement Cauca zeigten.

Kannst du uns von der Minenräumung von HI in Kolumbien erzählen?

Ja, die war sehr beeindruckend! Ich besuchte eine Minenräumungsstelle, als die Entminer in voller Aktion waren. Ich war überrascht, denn auf den ersten Blick wirkt das Ganze wie Gartenarbeit. Doch in Wirklichkeit ist es sehr risikoreich: Man muss alle Pflanzen entfernen und Zentimeter für Zentimeter gründlich absuchen, um eine Landmine aufzuspüren. Mir wurde erklärt, dass es mehrere Techniken zur Entminung gibt, zum Beispiel mit Maschinen, Drohnen und Hunden. Doch in Kolumbien ist die Vegetation zu dicht und außerdem die Landschaft bergig, deshalb muss dort auf manuelle Minenräumung zurückgegriffen werden. Das ist eine unglaubliche Fleissarbeit!    

Nach einer Sicherheitsinformation und einer Präsentation durften wir die Arbeit unserer Kolleg/-innen vor Ort begutachten. Die Stimmung ist sehr gut. Die Entminungsteams sind jung, durchschnittlich zwischen 20 und 30 Jahren alt, und es sind etwa gleich viele Männer und Frauen dabei. Trotz der guten Atmosphäre muss ich sagen, dass sie keine leichte Aufgabe haben! Ich bewundere ihre Entschlossenheit und ihre Hingabe.

Warum ist die Minenräumung in Kolumbien so wichtig? 

Kolumbien hat weltweit die zweithöchste Anzahl an Minenopfern. Die Bevölkerung ist in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Die Gegend, die ich besucht habe, lag zum Beispiel neben einem alten Fussballplatz und einem Gemeinschaftshaus. Aufgrund der Kämpfe, die dort stattgefunden hatten, kann nicht ausgeschlossen werden, dass dieses Gebiet seither vermint ist. Die Einwohner können nicht mehr Fussball spielen oder ihre Feste feiern. Deshalb ist die Arbeit von HI unerlässlich, um wieder ein normales lokales Leben zu ermöglichen! HI ist daher ständig im Einsatz und immer auf der Suche nach finanziellen Mitteln.

Gibt es eine Schulung für die HI-Teams über die Gefahren von Minen? 

HI stellt die Sicherheit der Mitarbeitenden an erste Stelle. Das beginnt schon bei der Ausrüstung: Die Minenräumteams haben eine schwere Schutzweste, einen Helm und Handschuhe um sich zu schützen. 

Für die Sicherheit werden Kurse in einem Trainingslager absolviert, das ich auch besuchen durfte. Alle Mitarbeitenden erhalten eine mehrwöchige praktische und theoretische Ausbildung, um diesen Beruf zu erlernen. Sie simulieren Minenräumarbeiten mit den Lehrkräften, die Minenattrappen verstecken. Alle sind in Erster Hilfe ausgebildet, und in jedem Team ist zusätzlich ein Sanitäter tätig. An dem Nachmittag, als ich dort war, übten sie das Verhalten bei einem Unfall. Während der Schulung simulierten sie einen Unfall, mit einer Explosion, „Opfer“ im Wald und einem zuständigen Krisenmanager. Man muss sehr gut aufpassen und die Ruhe bewahren, um nicht einen zweiten Unfall zu verursachen, da ein vermintes Gebiet immer sehr gefährlich ist. Dann zerschnitten sie die Kleidung des «Opfers», um die Verletzungen zu analysieren, und transportierten ihn aus dem Wald. Da die Einsatzorte in der Regel sehr abgelegen sind, sollen die Teams immer gewährleisten, dass im Falle eines ernsten Notfalls Platz für die Landung eines Hubschraubers vorhanden ist.

Wie wird in der Bevölkerung Bewusstsein für die Gefahren von Landminen geschaffen?

HI arbeitet viel zu diesem wichtigen Thema. So sprachen wir beispielsweise mit einer Mitarbeiterin, die von HI beauftragt wurde, als Verbindungsfrau zwischen unserer Organisation und der lokalen Bevölkerung zu wirken und vor Ort über die Minengefahr aufzuklären. Sie geht in die Dörfer und Gemeinden, um den Leuten zu erklären, wie eine Mine aussieht, welche verschiedenen Formen sie haben kann usw. Dies ist besonders für Kinder, die viel draussen spielen, von entscheidender Bedeutung: Sie müssen wissen, wie eine Mine aussieht. Das grosse Problem in Kolumbien ist, dass es viele selbstgebaute Bomben gibt, die von bewaffneten Gruppen hergestellt wurden. Der Sprengstoff kann in einer normalen PET-Flasche versteckt sein. Wenn die Menschen einmal informiert sind, sind sie sich nicht nur der Gefahr bewusst, sondern können uns auch auf verdächtige Stellen hinweisen. 

Hat diese Reise deine Arbeitsweise beeinflusst? 

Ich bin sehr froh, dass ich diese Reise machen durfte. Ich wusste von der grossen Vielfalt der Aktivitäten von HI, aber sie konkret zu sehen, ist wie das Zusammenfügen der Puzzleteile. Jetzt werde ich die Aktivitäten von HI bei meinen Kontakten mit Partnern viel besser präsentieren können. Ich weiss nun, wie wichtig sie für das tägliche Leben tausender Menschen sind!

Auch Sie können etwas bewirken: Unterzeichnen Sie unsere Petition, damit Präsident Trump seine politische Entscheidung zum Einsatz von Landminen zurückzieht!

2. April 2020

Einsatzländer

Nehmen Sie mit uns Kontakt auf

Nadia Ben Said
Verantwortliche Medien
(FR/DE/EN)

Tel : +41 22 710 93 36
[email protected]

HELFEN
Sie mit

Lesen sie weiter

"Ich bin stolz darauf, eine weibliche Sprengmeisterin zu sein"
© HI
Minen und andere Waffen Mobilisierung

"Ich bin stolz darauf, eine weibliche Sprengmeisterin zu sein"

Lamngueun kam 2006 als Spezialistin für die Entschärfung explosiver Sprengstoffe zu HI. Heute leitet sie ein Team von acht Minenräumerinnen in Laos, dem Land, das am stärksten mit Streumunition kontaminiert ist.

25 Jahre Broken Chair
© Basile Barbey / HI
Mobilisierung Stop Bombing Civilians Veranstaltung

25 Jahre Broken Chair

Am 18. August 1997 bauten wir Broken Chair auf der Place des Nations in Genf auf, um alle Staaten aufzurufen, im Dezember 1997 in Ottawa das Übereinkommen über das Verbot von Antipersonenminen zu unterzeichnen. 25 Jahre später verkörpert Broken Chair weiterhin den verzweifelten, aber würdevollen Aufschrei der Zivilbevölkerung, die durch bewaffnete Gewalt getötet oder verstümmelt wird, und die Verpflichtung der Staaten, sie zu schützen.

40 Jahre Engagement Inklusion Minen und andere Waffen Rehabilitation

40 Jahre Engagement

Handicap International wurde am 19. Juli 1982 in einem Flüchtlingslager in Thailand gegründet. Mit der ersten Hilfsaktion haben wir Zivilist:innen unterstützt, die durch die Explosion von Antipersonenminen verstümmelt wurden. 40 Jahre später zählt unsere Organisation mehr als 5000 Mitarbeiter:innen, die sich in rund 60 Ländern für eine solidarische und inklusive Welt einsetzen. 40 Jahre Engagement, um Menschen mit Behinderungen zu begleiten, die Achtung ihrer Würde zu fördern und ihre Grundrechte zu verteidigen.