30 Jahre Engagement aus der Schweiz

Veranstaltung
Schweiz

Seit 30 Jahren setzt sich Handicap International (HI) von der Schweiz aus für die Rechte und die Würde besonders schutzbedürftiger Menschen ein. Ein Rückblick auf drei Jahrzehnte Engagement, Mobilisierung und Anpassung – von den Anfängen im Kampf gegen Antipersonenminen bis zu den humanitären Herausforderungen von heute.

Broken Chair in 1996

Broken Chair in 1996 | © HI

Die Anfänge von HI Schweiz und der Kampf gegen Antipersonenminen 


Die Geschichte von Handicap International Schweiz begann im Jahr 1996. Zehn Jahre nach der Gründung von Handicap International in Frankreich führte der Wunsch, diese Mobilisierung von Genf aus zu stärken – einer Stadt im Zentrum internationaler humanitärer Herausforderungen – zur Gründung der Schweizer Sektion. Unter der Leitung von Paul Vermeulen, Jean-Baptiste Richardier und Jean-Luc Rossier wurde Handicap International Schweiz am 11. September 1996 offiziell in Genf gegründet.

Zu dieser Zeit engagierten sich weltweit zahlreiche Akteure im Kampf gegen Antipersonenminen, da diese für eine beträchtliche Zahl von Opfern und Schwerverletzten unter der Zivilbevölkerung verantwortlich waren. Daraufhin mehrten sich die Initiativen, um die Öffentlichkeit zu mobilisieren: eine Pyramide aus Schuhen auf der Place des Nations, Bürgerkampagnen, Mailings und Sensibilisierungsmassnahmen.

Die Advocacy-Arbeit bei den Staaten wurde ebenfalls intensiviert, doch die Diskussionen über ein vollständiges Verbot von Antipersonenminen bei den Vereinten Nationen scheiterten. Angesichts dieser Enttäuschung wurde ein neuer diplomatischer Prozess in Ottawa eingeleitet. Erstmals wurden dabei Nichtregierungsorganisationen umfassend in die Diskussionen einbezogen.


HI Schweiz suchte daher nach einer Möglichkeit, diese Mobilisierung von Genf aus zu unterstützen.

«(…) Ich fragte mich, wie unsere Präsenz in Genf dazu beitragen könnte, möglichst viele Unterschriften für dieses Übereinkommen zu sammeln. Die Place des Nations war damals ein leerer Platz, auf dem bereits verschiedene künstlerische Veranstaltungen stattgefunden hatten. Es war klar, dass die Kommunikation hier stattfinden musste. Die unerträglichen Fotos von Minenopfern bei der Erstversorgung liessen mir keinen Zweifel: Die Bilder von Verstümmelungen lösten bei den Betrachter:innen eine ablehnende Reaktion aus. Um die Dringlichkeit eines Verbots dieser Waffen zu vermitteln, musste ein symbolischer Weg gewählt werden. Das Thema beschäftigte mich mehrere Tage lang, alle möglichen Ideen tauchten auf. Am vielversprechendsten war das Bild eines über zehn Meter hohen Stuhls mit einem abgerissenen Bein vor dem Haupteingang des Palais des Nations. Der Stuhl verkörpert eine Person und suggeriert eine Präsenz, obwohl er leer ist. Das organische Material des zersplitterten Holzes symbolisiert ein abgerissenes Bein. Sein Standort vor dem Haupteingang des Palais des Nations schafft eine starke Verbindung zwischen dem mineralischen Gebäude des Sitzes der Vereinten Nationen und dem organischen Material des verstümmelten Stuhls.» Paul Vermeulen – Rede anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von Broken Chair

Das Kunstwerk Broken Chair des Künstlers Daniel Berset war ursprünglich als temporäre Installation geplant. Es wurde jedoch schnell zu einem der sichtbarsten Symbole dieser internationalen Bewegung und schliesslich zu einem festen Bestandteil des Platzes.

Wenige Monate später, am 3. Dezember 1997, unterzeichneten 122 Staaten die Ottawa-Konvention. Dabei handelt es sich um ein internationales Abkommen, das den Einsatz, die Herstellung, die Lagerung und die Weitergabe von Antipersonenminen verbietet und gleichzeitig die Vernichtung bestehender Bestände vorsieht. Diese Konvention stellte einen historischen Fortschritt für die humanitäre Abrüstung dar und war ein bedeutender Erfolg für die Organisationen, die sich für dieses Anliegen einsetzen.

Im selben Jahr erhielt die Internationale Kampagne für das Verbot von Antipersonenminen, an der Handicap International massgeblich beteiligt war, den Friedensnobelpreis. 

Diese ersten Aktionen prägten die Anfänge von HI Schweiz und trugen dazu bei, die Identität und die Werte der Organisation zu formen, die das Handeln der Organisation bis heute leiten.

Eine Organisation im Wandel

30 Jahre später ist die Organisation beträchtlich gewachsen. 1996 war Handicap International mit 23 Projekten in 15 Ländern tätig. Heute ist das Netzwerk Humanité & Inclusion in 58 Ländern aktiv und führt weltweit rund 480 Projekte durch. Von Genf aus trägt HI Schweiz zu dieser internationalen Mobilisierung bei und stärkt gleichzeitig das Engagement gegenüber der Schweizer Öffentlichkeit.

Neben der Unterstützung der Massnahmen vor Ort hat HI Schweiz auch zahlreiche Sensibilisierungskampagnen für die Schweizer Öffentlichkeit entwickelt. Zu den Höhepunkten zählte eine Zusammenarbeit mit Zep, dem Schöpfer von Titeuf, im Jahr 2002. Mithilfe speziell für die Organisation entworfener Bildmotive wurde das Thema der Inklusion von Menschen mit Behinderungen in den Fokus gerückt. 

2013 wurde die Schweizer Geigerin Rachel Kolly Botschafterin von Handicap International Schweiz. Die engagierte Musikerin nutzte ihren Bekanntheitsgrad, um ein grosses Benefizkonzert in Lausanne zu organisieren. 

In jüngerer Zeit hat die Organisation ihre Sensibilisierungsarbeit rund um den Broken Chair fortgesetzt, insbesondere durch ein Kunstprojekt, das sie im Jahr 2023 gemeinsam mit dem Künstler Saype durchgeführt hat. Im Dialog mit dem Mahnmal schuf dieser ein monumentales Fresko auf Gras, das mit umweltfreundlicher Farbe gestaltet wurde.

All diese Initiativen zeugen von einem unermüdlichen Engagement, das stets dasselbe Ziel verfolgt: die Schweizer Bevölkerung zu sensibilisieren und besonders schutzbedürftige Menschen zu unterstützen.

Aktuelle Herausforderungen 

Auch wenn das Engagement unverändert bleibt, befindet sich das Umfeld, in dem HI Schweiz und die internationalen Organisationen tätig sind, im Umbruch.

Die humanitären Bedürfnisse haben ein historisches Ausmass erreicht. Die andauernden Konflikte führen zu massiven Bevölkerungsbewegungen. Gleichzeitig erschweren finanzielle Engpässe, die Infragestellung des humanitären Völkerrechts sowie Schwierigkeiten beim Zugang zu den betroffenen Bevölkerungsgruppen die humanitäre Hilfe.

Während Antipersonenminen nach wie vor zahlreiche Opfer fordern, scheint die internationale Bewegung, die zu ihrem Verbot geführt hat, heute an Schwung zu verlieren. Die Ottawa-Konvention wird zunehmend geschwächt, da sich einige Staaten aus ihr zurückgezogen haben oder einen Rückzug planen.
 
30 Jahre nach den bedeutenden Fortschritten, die bereits als gesichert galten, macht dieser Rückschlag deutlich, dass diese Erfolge fragil sind und infrage gestellt werden können, obwohl die humanitären Folgen von Antipersonenminen nach wie vor sehr real sind.

Für Handicap International sind diese Herausforderungen nicht neu. In den vergangenen 30 Jahren hat die Organisation zahlreiche grosse Krisen durchlebt: bewaffnete Konflikte, Völkermord, Naturkatastrophen oder auch die Covid-19-Pandemie. Jedes Mal gelang es ihr, sich anzupassen, um ihre Arbeit zum Schutz und zur Inklusion von besonders schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen fortzusetzen.

Diese Anpassungsfähigkeit bleibt von zentraler Bedeutung. Um ihre Mission fortzusetzen, kann die Organisation auf das Engagement ihrer Teams, Partner, Spender:innen und Unterstützer:innen zählen. In der aktuellen Situation sind ihr Vertrauen und ihre Mobilisierung wichtiger denn je, denn die historischen Kämpfe der Organisation sind nach wie vor aktuell.

© HI Die ersten Mitarbeitenden von HI Schweiz: Paul Vermeulen (Geschäftsleiter) und Susanne Rihs (Sekretärin).

 

© HI Mitbegründer von HI Schweiz: Paul Vermeulen (Geschäftsleiter), Bernard Poupon (Präsident) und Jean-Luc Rossier (Sekretär).

 

© HI Ein Teil des Teams von HI Schweiz sowie die Vereinsmitglieder an der Generalversammlung vom 5. Juni 2026.

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