Das internationale Genf gedenkt mit Handicap International des 25-Jahr-Jubiläums von Broken Chair

Veranstaltung
Schweiz

Am 23. September 2022 gedachte Handicap International gemeinsam mit dem internationalen Genf des Broken Chair. Das Jubiläum bot die Gelegenheit, an die Entstehung des Mahnmals und seine noch immer aktuelle Symbolik zu erinnern: Es verkörpert heute den verzweifelten, aber würdevollen Aufschrei der Zivilbevölkerung, die durch bewaffnete Gewalt getötet oder verstümmelt wird, und die Verpflichtung der Staaten, sie zu schützen und den Opfern zu helfen. Unser Präsident Christophe Wilhelm und unsere Vizepräsidentin Celine van Till haben sich gemeinsam mit Carolyne-Mélanie Régimbal, stellvertretende Generalsekretärin der Abrüstungskonferenz der Vereinten Nationen, Nathalie Fontanet, Staatsrätin der Republik und des Kantons Genf, und Paul Vermeulen, erster Direktor von Handicap International Schweiz und Initiator von Broken Chair zu Wort gemeldet.

Nathalie Fontanet, Staatsrätin der Republik und des Kantons Genf, Carolyne-Mélanie Régimbal, stellvertretende Generalsekretärin der Abrüstungskonferenz der Vereinten Nationen, und Paul Vermeulen, erster Direktor von Handicap International Schweiz und Initiator von Broken Chair zu Wort gemeldet.

Nathalie Fontanet, Staatsrätin der Republik und des Kantons Genf, Carolyne-Mélanie Régimbal, stellvertretende Generalsekretärin der Abrüstungskonferenz der Vereinten Nationen, und Paul Vermeulen, erster Direktor von Handicap International Schweiz und Initiator von Broken Chair zu Wort gemeldet. | (C) HI

Broken Chair: von der temporären Kunstinstallation zum Mahnmal mit tragisch-zeitloser Botschaft

Der Ursprung von Broken Chair ist eine schreckliche Geschichte, die uns Paul Vermeulen, der erste Direktor von Handicap International Schweiz und Initiator des Mahnmals, erzählt:

«Bei der Explosion (Anm. d. Red.: einer Antipersonenmine) überlebt das verstümmelte Opfer in einem von zwei Fällen. Das ist das Ziel.

Im Mai 1996 wurde bei den Vereinten Nationen in Genf die Überprüfungskonferenz des Übereinkommens über konventionelle Waffen abgeschlossen. Das Protokoll II zu diesem Übereinkommen regelt den Einsatz von Antipersonenminen.

Die anwesenden humanitären Organisationen arbeiteten Tag und Nacht ausserhalb des Konferenzraums, zu dem sie nicht zugelassen waren, um die Mitglieder der Delegationen von der dringenden Notwendigkeit eines vollständigen Verbots dieser Waffen zu überzeugen. Nach wochenlanger Arbeit verabschiedete die Überprüfungskonferenz durch Konsens ein geändertes Protokoll II, das die Tür für den massiven Einsatz sogenannter «intelligenter» Antipersonenminen öffnete, ohne die anderen zu verbieten. Sie können sich vorstellen, wie gross die Enttäuschung der humanitären Organisationen war!»

Auf Vorschlag Kanadas trafen sich die Staaten daraufhin, um ein neues multilaterales Abkommen (das sogenannten Ottawa-Abkommen) zu verabschieden. Dieser Prozess fand ausserhalb der UNO statt und bezog zum ersten Mal auch Hilfsorganisationen mit ein. Zum Abschluss der Konferenz am 5. Oktober 1996 lud der kanadische Aussenminister alle Staaten ein, sich im Dezember 1997 in Ottawa zu treffen, um ein Übereinkommen zum vollständigen Verbot von Antipersonenminen zu unterzeichnen.

Um Druck auf die Staaten auszuüben und möglichst viele Unterschriften zu erhalten, hatte Paul Vermeulen die Idee, von der Place des Nations aus zu kommunizieren.

«Die unerträglichen Fotos von Minenopfern bei der Erstversorgung liessen mir keine Zweifel: Die Bilder von Verstümmelungen löste bei den Betrachter:innen eine ablehnende Reaktion aus. Um die Dringlichkeit des Verbots dieser Waffen zu vermitteln, musste man einen symbolischen Weg gehen. (…) Am vielversprechendsten war das Bild eines über 10 Meter hohen Stuhls mit einem abgerissenen Bein, der vor dem Haupteingang des Palais des Nations aufgestellt wurde.»

Der vom Künstler Daniel Berset entworfene Broken Chair wurde am 18. August 1997 provisorisch aufgestellt. Im Dezember desselben Jahres unterzeichneten 122 Staaten das Übereinkommen über das Verbot des Einsatzes, der Lagerung, der Herstellung, der Weitergabe und der Vernichtung von Antipersonenminen. Ein grosser Sieg für die humanitären Organisationen. Seitdem ist Broken Chair auf der Place des Nations geblieben und Handicap International hat die Bandbreite ihrer Kampagnen erweitert, was die Zeitlosigkeit der Botschaft dieses Mahnmals zeigt. Handicap International ist nun die Sprecherin der Menschen, die Opfer kriegerischer Gewalt geworden sind, und zeigt, dass sie trotz ihrer Verstümmelung ein aufrechtes Leben führen – zerbrechlich, aber stark.

Der Ottawa-Prozess: ein neues Modell der multilateralen Diplomatie

Es ist wichtig, die Bedeutung des Ottawa-Prozesses für die Abrüstung hervorzuheben», erklärt Carolyne-Mélanie Régimbal, stellvertretende Generalsekretärin der Abrüstungskonferenz der Vereinten Nationen:

«Vor 25 Jahren konnte man sich nicht vorstellen, dass dieser Prozess die Rahmenbedingungen der Abrüstungsverhandlungen ändern würde, die sich bis dahin immer auf die Interessen der Staaten konzentriert hatten. Bei der Abrüstung, bei der bisher die Verteidigungs- und Sicherheitsinteressen der Staaten im Vordergrund standen, sollte nun nicht nur die schädlichen Auswirkungen dieser Waffen, sondern auch die Bedürfnisse der Opfer in den Mittelpunkt der Diskussionen gestellt werden.»

Mit Broken Chair wurde ein neues, integrativeres Modell der Diplomatie ermöglicht, das nicht nur Staaten, sondern auch die Zivilgesellschaft, die akademische Welt und direkt betroffene Zivilist:innen repräsentiert. Dadurch wird ermöglicht, dass die humanitäre Abrüstung auch Massnahmen zur Unterstützung der Opfer berücksichtigt.

«Ursprünglich das Emblem der Kampagne gegen Antipersonenminen, ist der Stuhl heute ein Symbol für die Menschlichkeit, den Kampf gegen Missstände und die Unterstützung der Opfer. (…) Wir müssen so mutig und zielstrebig sein wie 1997 und dürfen nie die Bedeutung der menschlichen Sicherheit und der humanitären Abrüstung aus den Augen verlieren.»

Broken Chair, das Symbol des internationalen Genfs

«Broken Chair ist ein Symbol für das humanistische und solidarische internationale Genf», sagte Nathalie Fontanet, Staatsrätin der Republik und des Kantons Genf. Die Instrumente der internationalen Solidarität, die Hilfsorganisationen wie Handicap International darstellen, ermöglichen die Förderung von Grundrechten und den Kampf gegen Ungerechtigkeiten. Broken Chair steht als Sprachrohr für die Opfer von Explosivwaffen und erinnert so an deren Würde.

«Dieses künstlerische Mahnmal soll uns daran erinnern, dass jeden Tag auf der ganzen Welt nicht weniger als 90 Zivilist:innen, darunter viele Kinder, ihr Leben durch explosive Waffen verlieren, von denen einige durch internationale Verträge verboten sind.

Es ist übrigens kein Zufall, dass dieser Stuhl im XXL-Format hier auf der Place des Nations aufgestellt wurde. Dieser Ort ist höchst emblematisch. Er spiegelt die Forderungen nach einer gerechteren Welt wider. (…) Menschen aus allen Teilen der Welt versammeln sich hier zu Hunderten oder Tausenden, um ihre Forderungen und Hoffnungen zum Ausdruck zu bringen.

Broken Chair gehört ,sozusagen unweigerlich, zu den meistbesuchten und meistfotografierten Denkmälern in Genf. Er erinnert uns daran, dass die Menschenrechte der ultimative Massstab jeder Politik sind – und bleiben müssen. Er ist das historische Bewusstsein des wegweisenden Kampfes, den Handicap International und andere

Hilfsorganisationen geführt haben. Was vor 25 Jahren galt, gilt auch heute noch: Genf ist der Ort, an dem die ganze Welt zusammenkommt, um Lösungen zu finden.»

9 November 2022
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