Warum sind Landminen so gefährlich für die Zivilbevölkerung?

Minen und andere Waffen
International

Minen töten und verstümmeln jahrzehntelang – auch wenn der Krieg längst vorbei ist. Rund 90 Prozent der Opfer kommen aus der Zivilbevölkerung. Dennoch sind Landminen wieder auf dem Vormarsch: massiver Einsatz in bewaffneten Konflikten, Rückzug von fünf Staaten aus dem Ottawa-Verbotsvertrag, neue Minenproduktion, mehr Minenopfer.

Gary Toombs, HI-Experte für Minenräumung erklärt, warum Minen so gefährlich sind und wie sich Staaten besser schützen können.

Gary Toombs ist Experte für Minenräumung bei Handicap International.

Gary Toombs ist Experte für Minenräumung bei Handicap International. | © HI

Warum sind Landminen weiterhin ein globales Problem?

Landminen zählen bis heute zu den schlimmsten Folgen bewaffneter Konflikte. Laut dem aktuellen Landminen-Monitor wurden innerhalb eines Jahres in 55 Ländern mehr als 5700 Menschen durch Landminen und explosive Kriegsreste getötet oder verletzt. 84 % der Opfer 2024 waren Zivilist*innen, mehr als ein Drittel Kinder.

Warum sind Landminen so heimtückisch

Landminen wirken wahllos und bleiben oft noch Jahrzehnte nach Kriegsende aktiv. Menschen werden verletzt oder getötet, während sie auf Felder arbeiten, Wasser holen oder auf dem Schulweg sind.

Hinzu kommt ein enormes Missverhältnis zwischen Herstellung und Beseitigung: Eine Antipersonen-Mine kostet oft nur wenige Dollar, ihre sichere Räumung dagegen bis zu 1000 US-Dollar oder mehr. Zusätzlich belasten Minen Umwelt und Wirtschaft, weil sie Böden, Wasserquellen und ganze Landstriche unbrauchbar machen.

Kurz gesagt: Die humanitären, ökologischen und wirtschaftlichen Folgen von Landminen überwiegen ihren militärischen Nutzen deutlich.

Sind Landminen militärisch wirksam?

Landminen wurden ursprünglich eingesetzt, um gegnerische Truppen aufzuhalten oder umzuleiten. In der modernen Kriegsführung hat ihre Wirksamkeit jedoch deutlich abgenommen. Heute verfügen Streitkräfte über moderne Aufklärungs- und Überwachungssysteme wie Satellitenbilder, Drohnen und Sensoren. Dadurch lassen sich Minenfelder oft bereits während der Verlegung erkennen. Gleichzeitig ermöglichen moderne Räumfahrzeuge, Sprengladungen und Pioniertechnik das schnelle Öffnen sicherer Durchgänge. In aktuellen Konflikten wie in der Ukraine zeigt sich: Minenfelder können Angriffe verzögern und Verluste verursachen, aber sie halten eine gut ausgerüstete Armee nicht dauerhaft auf.

Was bedeutet „schnell durchbrechen“?

Moderne Streitkräfte können Minenfelder innerhalb weniger Minuten überwinden. Mit gepanzerten Räumfahrzeugen und speziellen Sprengladungen lassen sich Fahrspuren für Panzer und andere Fahrzeuge schaffen. Minen gelten deshalb heute eher als taktisches Hindernis als eine entscheidende Verteidigungslinie.

Wie werden Landminen heute eingesetzt?

Minen werden meist nicht allein eingesetzt, sondern als Teil grösserer Verteidigungssysteme mit Panzergräben, Betonpoller und Artillerie. Besonders problematisch ist die Kombination aus Panzerabwehr-Minen und Antipersonen-Minen: Wird ein Fahrzeug durch eine Mine gestoppt, geraten Soldaten beim Aussteigen zusätzlich in Gefahr durch versteckte Antipersonen-Minen. Ziel ist es, Rettung und ein Vorrücken zu erschweren. Solche Taktiken können Angriffe verlangsamen, entscheiden aber selten über den Ausgang eines Konflikts.

Sind „intelligente“ oder „nicht-persistente“ Minen sicherer?

Nein. Auch sogenannte „intelligente“ Minen, die sich angeblich selbst deaktivieren oder zerstören sollen, versagen regelmässig. Selbst geringe Fehlerraten bedeuten, dass nach einem Konflikt weiterhin aktive Sprengkörper zurückbleiben. Diese stellen noch Jahre später eine Gefahr für Zivilist*innen und Minenräumer*innen dar. Hinzu kommt: Elektronische Zünder und Selbstzerstörungsmechanismen machen die Räumung oft noch gefährlicher, weil sie unvorhersehbar reagieren können.

Aus humanitärer Sicht bleibt daher entscheidend: Eine Mine, die nicht wie vorgesehen deaktiviert wird, ist genauso gefährlich wie jede andere Mine.

Würden genaue Karten von Minenfeldern helfen?

Nur begrenzt. Zwar können Karten bei der Planung helfen, doch Minen verschieben sich im Laufe der Zeit durch Regen, Überschwemmungen, Erosion oder Bodenbewegungen. Deshalb stimmen dokumentierte Positionen oft nicht mehr mit der Realität überein. Auch moderne GPS-Systeme sind nicht präzise genug, um eine sichere Räumung zu garantieren. Deshalb müssen Minenfelder weiterhin aufwändig geräumt werden. Drohnen und Luftbilder helfen zwar bei der Erkennung von Spuren oder Bewegungsmustern, vergrabene Antipersonen-Minen lassen sich damit jedoch häufig nicht zuverlässig entdecken.

Gibt es Alternativen zu Landminen?

Ja. Viele Staaten entwickeln inzwischen Systeme, die Schutz bieten, ohne langfristig Zivilisten zu gefährden. Dazu gehören:

  • sensorbasierte Überwachungssysteme,
  • Drohnen und Echtzeitaufklärung,
  • ferngesteuerte Verteidigungssysteme mit menschlicher Kontrolle,
  • KI-gestützte Überwachung und mobile Patrouillen.

Diese Technologien können Bedrohungen erkennen und abwehren, ohne nach einem Konflikt weiterhin Menschen zu gefährden. Ein Beispiel ist Finnlands Ausbau eines sensorbasierten Grenzschutzsystems an der Grenze zu Russland.

Geht es um echte Sicherheit oder politische Symbolik?

Sicherheitsbedenken von Staaten sind real, besonders in Konfliktregionen. Dennoch sehen viele Experten im Festhalten an Landminen eher eine politische als eine militärische Entscheidung. Denn moderne Alternativen bieten wirksameren Schutz, bessere Kontrolle und verursachen keine langfristigen humanitären Schäden.

Die Erfahrung aus früheren Konflikten zeigt: Landminen stoppen Gegner selten dauerhaft. Stattdessen hinterlassen sie oft jahrzehntelange Folgen – zivile Opfer, zerstörte Landwirtschaft, wirtschaftliche Schäden und enorme Räumungskosten. Viele Kritiker argumentieren deshalb: Der weitere Einsatz von Antipersonen-Minen ist weniger Ausdruck militärischer Notwendigkeit als vielmehr ein Festhalten an überholten Strategien.

7 Juli 2026

Nehmen Sie mit uns Kontakt auf

Nadia Ben Said
Verantwortliche Medien
(FR/DE/EN)

Tel : +41 22 710 93 36
[email protected]

 

Bleiben Sie informiert !

Erhalten Sie aktuelle Informationen zu unseren Aktivitäten vor Ort und unsere Notfallaufrufe.

HELFEN
Sie mit

Lesen sie weiter

UKRAINE: «Früher wollte ich einfach nur wieder gehen können. Dank Handicap International (HI) glaube ich daran, sogar rennen zu können!»
© HI
Gesundheit und Prävention Inklusion Rehabilitation

UKRAINE: «Früher wollte ich einfach nur wieder gehen können. Dank Handicap International (HI) glaube ich daran, sogar rennen zu können!»

Wie viele andere Ukrainer:innen leidet Nadezhda unter gesundheitlichen Problemen, die sich durch den Krieg noch verschlimmert haben. Dank der von Handicap International angebotenen Rehabilitationsmassnahmen konnte sie nach ihrer Evakuierung ihre Schmerzen lindern, neue Energie tanken und wieder nach vorn blicken.

Über 1000 Opfer, 87 Prozent davon Zivilist:innen: Streubomben-Monitor 2026
Déminage des munitions non explosées (UXO) dans un village cible du Laos. © HI
Minen und andere Waffen

Über 1000 Opfer, 87 Prozent davon Zivilist:innen: Streubomben-Monitor 2026

Der Streubomben-Monitor 2026 zeigt: Die Zahl der Opfer von Streumunition blieb 2025 mit 1063 Getöteten oder Verletzten weiterhin extrem hoch. 87 Prozent der Opfer waren Zivilist:innen. Streumunition wurde vom Iran, von Myanmar, Russland, Thailand und der Ukraine eingesetzt. Weitere mögliche Einsatzländer konnten nicht bestätigt werden. Der Austritt Litauens aus dem Übereinkommen im Jahr 2025 ist ein schwerer Schlag und schwächt dessen Wirksamkeit erheblich. Vom 14. bis 18. September werden die Staaten in Vientiane, Laos, zur dritten Überprüfungskonferenz des Übereinkommens zusammenkommen. Wir rufen sie dazu auf, dort ihr Engagement für das Übereinkommen zu bekräftigen.

Nach dem Zyklon Fytia: Leben wieder aufbauen
© Y. Andria / HI
Inklusion

Nach dem Zyklon Fytia: Leben wieder aufbauen

Die 85-jährige Denise weiss, was es bedeutet, innerhalb weniger Stunden alles zu verlieren. Am 31. Januar 2026 fegte der Zyklon Fytia mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 210 Kilometern pro Stunde über den Norden Madagaskars hinweg. In der Region Boeny, in der Denise lebt, drang das Wasser in die Häuser ein und zerstörte die Ernten. Dank der Hilfe ihrer Kinder konnte sie ihr Haus rechtzeitig verlassen. Einige Wochen später erhielt sie von Handicap International finanzielle Unterstützung, um die Folgen des Zyklons zu bewältigen.

Bleiben Sie informiert !

Erhalten Sie aktuelle Informationen zu unseren Aktivitäten vor Ort und unsere Notfallaufrufe.

 
 

Kontakt

Handicap International Schweiz
Avenue de la Paix 11, 1202 Genf
+41 (0)22 788 70 33
[email protected]

Uns kontaktieren

IBAN: CH66 0900 0000 1200 0522 4

 
 

Suchbegriff eingeben

 
 

Unser Netzwerk

 
 

Folgen Sie uns