„Wir helfen der Bevölkerung, wieder in Frieden zu leben“

Minen und andere Waffen
Kolumbien

Handicap International hat kürzlich die Minenräumung in drei kolumbianischen Bezirken gestartet. Wir sprachen mit Aderito Ismael, der das Projekt für Handicap International in Kolumbien leitet.

Interview mit Aderito Ismael

Aderito Ismael, Verantwortlicher des Entminungsprojekts in Kolumbien | © P. Jérôme / Handicap International

Warum führt Handicap International eine Entminung in Kolumbien durch?

Kolumbien ist von einem Konflikt zerrissen, der schon über 50 Jahre andauert. Es ist nach Afghanistan das meist verminte Land der Erde. In 31 der 32 Departements sind die Böden mit Landminen verseucht. Schon mehr als 11.100 Menschen sind diesen zum Opfer gefallen. Handicap International will zur Entminung der betroffenen Gebiete beitragen, Behinderungen vorbeugen und Minenopfer unterstützen. Seit fast 25 Jahren führen wir Aktivitäten rund um Minenräumung durch. Auf diese wertvolle Erfahrung werden wir uns hier stützen, insbesondere wenn es um die Risikoprävention, die Rehabilitation und die Entminung der Landflächen geht.

Wie wird dieses Projekt vorbereitet?

Im April 2016 bildete Handicap International ein erstes Team von sechs MinenräumerInnen aus. Zudem wurden zwei Teams zur Durchführung nicht-technischer Studien zusammengestellt, die sich in die Dörfer begeben und die Bewohner fragen, wo Landminen vermutet werden. Diese Informationen werden dann mit denen der Behörden abgeglichen. Die Teams werden zusätzlich von einem medizinischen Berater begleitet. Nach den Friedensverhandlungen mit den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC) wies uns die Regierung einige ehemalige Kriegsgebiete für die Entminung zu, sodass wir unsere Aktivitäten ausweiten können. Wir werden in sieben Gemeinden der Departements Cauca, Meta und Caqueta tätig. Daher verstärken wir unsere drei Teams und rekrutieren neue Entminerinnen und Entminer. Wir vermitteln ihnen die allgemeinen Hintergründe der Minenräumung in Kolumbien und bringen ihnen bei, wie man sich verminten Flächen vorsichtig nähert und sie kennzeichnet, wie man Gestrüpp entfernt, die Metalldetektoren benutzt etc. Außerdem lernen unsere Leute, wie sie bei einem Unfall erste Hilfe für die Betroffenen leisten.

Und wer sind diese Menschen, die die Minen räumen?

Viele von ihnen leben in den Dörfern oder Regionen, die wir entminen. Sie kennen sich daher mit den kulturellen Gegebenheiten in unseren Einsatzgebieten sehr gut aus. Mit der Räumung der Landminen werden sie zur Wiederherstellung des Friedens in ihren Gemeinschaften beitragen können. Handicap International achtet darauf, gemischte Teams zusammenzustellen. Das ist für uns sehr wichtig. Übrigens werden mehrere unserer Teams von Frauen geleitet[1]. Die Menschen, die wir einstellen, müssen in ausgezeichneter körperlicher Verfassung sein und eine gute Ausdauer haben. Die zu entminenden Gebiete sind manchmal sehr abgelegen. Stundenlange Fußmärsche in der prallen Sonne sind daher keine Seltenheit. Die Leute müssen außerdem über eine schnelle Auffassungsgabe und eine gute Anpassungsfähigkeit verfügen.    

Wie sind die Geländebedingungen für die Minenräumung in Kolumbien?

Kolumbien ist ein Gebirgsland. In den ländlichen Gegenden sind viele Wege unpassierbar oder gar nicht erst vorhanden. Manchmal muss die Strecke mehrere Stunden lang zu Fuß oder zu Pferd fortgesetzt werden. Idealerweise würden wir gerne Maschinen und Minenspürhunde einsetzen. Das würde unsere Arbeit deutlich beschleunigen. Allerdings lassen die abschüssigen Wege einen Einsatz schwerer Geräte aktuell nicht zu. Wir müssen uns an die vergleichsweise schwierigeren Bedingungen für die Minenräumung anpassen.

Oft ist von improvisierten Sprengsätzen die Rede …

Ja, genau. Diese Art der Mine, ist in der Tat etwas komplizierter. In Kolumbien verfügt nur die Armee über konventionelle Waffen wie Landminen. Viele bewaffnete Gruppen stellen ihre Sprengsätze also selbst her. Diese enthalten manchmal keine metallischen Bestandteile, was das Aufspüren mit dem Minendetektor und die Räumung deutlich erschwert.

Sie sensibilisieren die Bevölkerung außerdem für die Gefahren, die von Landminen und explosiven Kriegsresten ausgehen. Wie werden Sie von den Menschen empfangen?

Sehr positiv. Die indigene Bevölkerung war über einen Zeitraum von 50 Jahren den Angriffen zahlreicher bewaffneter Gruppen ausgesetzt. Sie erhielt keinerlei Schutz. Diese Menschen glauben heute niemandem mehr. Durch die Projekte, die wir seit Jahren in ihren Gemeinschaften durchführen, konnten wir ein Vertrauensverhältnis aufbauen, das sehr konstruktiv ist.

Was sind die nächsten Schritte?

Die Entminungsaktionen haben nun begonnen. Ein erstes Team von zehn Fachleuten ist in der Gegend von Venta in der Gemeinde Cajibío (Departement Cauca) für die Minenräumung etwa 45 Tage lang im Einsatz.

[1] Hier ist beispielsweise ein Minenräumteam im Departement Cauca zu nennen sowie ein Team für nicht-technische Studien, das die betroffenen Gebiete registriert und kennzeichnet.

18 Januar 2017

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