Zum ersten Mal seit dem Bombenangriff steht Abdel Rahman wieder auf und macht die ersten Schritte

Nothlife Rehabilitation
Irak

Der 12-jährige Abdel Rahman wurde im Mai 2017 Opfer eines Bombenangriffs in Mossul. Damals musste sein rechtes Bein amputiert werden. Seitdem lebt er mit seiner Familie im Flüchtlingslager Hasansham im Irak. Die Mitarbeiter von Handicap International (HI) helfen mit Rehabilitation und psychologischer Unterstützung.

Abdel Rahman lernt mit Krücken und mit Hilfe eines Physiotherapeuten von HI wieder gehen. Nachdem eine Granate über seinem Haus explodiert ist, musste sein Bein amputiert werden. | © William Daniels / HI

17 Januar 2018

Abdel Rahman sitzt neben seinem Vater Ahmad im Zelt der Familie. Der Junge scheint in Gedanken versunken, während seine Eltern erzählen, was ihnen im letzten Mai passiert ist. „Es war an einem Freitag“, erinnert sich Ahmad. „Wir waren in unserem Haus in Mossul gerade beim Frühstück, als ein Sprengkörper über uns explodiert ist. Abdel Rahman wurde am rechten Bein verletzt, mein anderer Sohn war sofort tot.“ Kurz nach dem Unfall versucht die Familie mehrmals aus der Stadt und vor den Gefechten zu fliehen. Sie ziehen im Rhythmus der Angriffe von Viertel zu Viertel weiter. „Ich sah, dass Abdel Rahmans Bein mit der Zeit ganz blau wurde.  Als wir endlich ein Krankenhaus erreichten, hatte sich sein Zustand bereits stark verschlechtert.“

Im Krankenhaus versuchen die Ärzte das Bein von Abdel Rahman zu retten. Sie operieren sechs Mal hintereinander, aber es ist bereits zu spät. „Ich ahnte, dass das Bein meines Sohnes amputiert würde.  Ich sah sein Bein und ein Teil von mir wusste es.“, erinnert sich Ahmad. „Ich bin kein Arzt und von alldem verstehe ich nichts, aber als ich Abdel Rahman in diesem Zustand sah, ahnte ich es.“

Er ist niedergeschlagen, manchmal ist er traurig und weint.

Anfang Juni verlassen Ahmad und seine Familie das Krankenhaus und kommen im Lager Hasansham an. Dort lernen sie Mohammad kennen, der für HI als Physiotherapeut arbeitet. Heute kommt dieser zum dritten Mal zu Abdel Rahman für seine Physiotherapie. Bevor er mit den Übungen beginnt, erkundigt er sich nach seinem Zustand. Ahmad erklärt, dass sein Sohn noch Schwierigkeiten hat, sich an die Situation zu gewöhnen. „Wir versuchen, ihn abzulenken, damit er die Ruhe bewahrt. Er spielt mit den anderen Kindern, wir scherzen ... Aber manchmal ist er traurig, er weint und sagt, dass sein Bein wehtut.“ Mohammad erklärt dem Vater des Jungen, dass der Psychologe von HI der Familie bald einen Besuch abstatten wird.

Endlich kann er sich aufrecht halten

Während der Rehabilitation scheint Abdel Rahman zwischen Lachen und Weinen zu schwanken. Einerseits hat er Phantomschmerzen im Bein, andererseits möchte er seine Familienmitglieder nicht enttäuschen. Als Mohammad ihn bittet, sich mit Hilfe der Krücken von HI aufzurichten, sagt er zwar zunächst, dass er das nicht kann, versucht es aber dennoch. Nach mehreren Versuchen schafft er es, sich aufrecht zu halten. Die Gefühle des Jungen scheinen ebenso fragil zu sein, wie seine ersten Schritte auf einem Bein.

Mohammad beendet die Therapie mit einigen Gleichgewichtsübungen. Abdel Rahman schliesst die Augen und wirkt in diesem Moment tatsächlich ruhig. Sein Atem verlangsamt sich und das Lachen und Weinen weichen der Ruhe und der Konzentration. Seine Familie sieht ihm dabei zu, wie er sich einige Sekunden lang auf seinem linken Bein hält, bevor sie ihn mit Applaus ermutigen. Der Junge lächelt: Seit seiner Ankunft im Lager ist dies das erste Mal, dass er aufsteht und Fortschritte macht.

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